„Ich dachte, sie überlebt das Jahr nicht“ – Ein Erfahrungsbericht aus der Krise zurück ins Leben
- Ester Karen Kuehn

- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Interview aus der Praxis
Das folgende Interview basiert auf einem tatsächlichen Behandlungsverlauf in meiner Praxis. Die Angaben wurden gemeinsam mit der Mutter einer Patientin für die Veröffentlichung aufbereitet und anonymisiert. Die Veröffentlichung erfolgt mit ausdrücklicher Zustimmung der Familie.
Interviewführung und Einordnung: Ester Karen Kühn, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Aus Gründen des Datenschutzes wurden einzelne persönliche Details verändert, ohne die fachlich relevanten Inhalte zu verändern.
Einführung
Eine Mutter berichtet über eine akute familiäre Krise mit ihrer fast 16-jährigen Tochter, die von massiver Selbstgefährdung, emotionaler Eskalation und permanenter Angst geprägt war. Innerhalb von sechs Monaten kam es zu einer grundlegenden Stabilisierung – durch eine Kombination aus medizinischer Abklärung, gezielten Impulsen und einem veränderten Umgang miteinander.
Dieses Interview zeigt, welche Faktoren zur Veränderung beigetragen haben – und welche Erkenntnisse auch ohne Therapie direkt umsetzbar sind.
Das Interview
Therapeutin: Wenn Sie an die Situation vor etwa sechs Monaten zurückdenken – was war damals los?
Mutter:
Ich bin mental komplett zusammengebrochen. Ich hatte ständig Todesangst um meine Tochter. Ich war überzeugt, dass sie das Jahr nicht überleben wird.
Ich habe sie nicht mehr wiedererkannt. Es gab fast täglich Situationen mit Selbstverletzung oder riskanten Kontakten.
Therapeutin: Wie war die Situation konkret zu Hause?
Mutter:
Extrem angespannt. Es gab Wutanfälle, Eskalationen – sogar Angriffe mit einem Messer. Wir lebten in dauerhafter Angst.
Einmal war Polizei vor Ort, weil niemand die Lage einschätzen konnte.
Auch meine ältere Tochter hatte Angst. Sie hat aus ihrem Zimmer heraus Nachrichten geschrieben wie: „Soll ich die Polizei rufen?“
Das Nervensystem meiner Tochter war dauerhaft im Ausnahmezustand – entweder völlig erschöpft oder bei 180. Normale Gespräche waren kaum möglich.
Der Wendepunkt
Therapeutin: Was hat rückblickend die entscheidende Veränderung gebracht?
Mutter:
Ein wichtiger Moment war Ihr Hinweis:
Dass es auffällig ist, dass meine Tochter eigentlich etwas verändern will, es aber nicht schafft.
Wir standen kurz davor, ein Antidepressivum zu beginnen. Die Voruntersuchungen liefen bereits.
Dann kam Ihr Impuls, den Vitamin-B12-Wert überprüfen zu lassen.
Ich war sicher, dass so etwas längst getestet wurde – war es aber nicht.
Der Wert war extrem niedrig, obwohl sie sich ausgewogen ernährt.
Daraufhin bekam sie hochdosiert Vitamin B12. Zusätzlich haben wir ein Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt.
Und dann ging es plötzlich schnell:
Nach 3–4 Tagen sahen wir erste Veränderungen.
Die Stabilisierung
Mutter:
Ab da hat sich Stück für Stück alles verändert.
Sie konnte wieder aufstehen
Sie konnte sich konzentrieren
Sie konnte am Alltag teilnehmen
Ab Dezember – nach etwa zwei Monaten – war sie deutlich stabiler.
Im Januar wurde es noch klarer.
Und seit Februar ist sie kaum wiederzuerkennen.
Auch aus der Schule erfuhren wir von Veränderungen:
Ihr Notendurchschnitt hat sich von 4–5 auf 2–3 verbessert.
Lehrer berichten durchweg positiv über sie.
Vorher war es fraglich, ob sie die Schule überhaupt schafft. Jetzt ist sie wieder voll dabei.
Vom Überleben zurück in Beziehung
Therapeutin: Was hat sich im Miteinander verändert?
Mutter: Am Anfang waren wir einfach nur erleichtert, dass sie noch lebt.
Wir haben uns sehr aneinander geklammert.
Aber dann kam der nächste Schritt:
Wieder in eine normale Eltern-Kind-Beziehung zurückzufinden.
Das war schwer.
Ich musste lernen:
sie nicht ständig zu beschützen
ihr wieder Frustration zuzumuten
ihr zuzutrauen, dass sie schwierige Gefühle selbst regulieren kann
Heute kann ich das wieder.
Zentrale Erkenntnisse der Mutter
Therapeutin: Was würden Sie jemandem sagen, der heute dort steht, wo Sie damals waren?
Mutter: Mehrere Dinge:
Halte durch. Es kann sich verändern – auch wenn es unmöglich erscheint.
Rede darüber. Mit Freunden, Familie – die Gefühle müssen raus.
Weinen hilft. Ich dachte immer, ich müsste stark sein. Aber das Loslassen war wichtig.
Hör auf dein Bauchgefühl. Ich wusste, dass „etwas nicht stimmt“ – und das war richtig.
Gib nicht zu früh auf. Wir waren kurz davor, einen anderen Weg einzuschlagen.
Rückblickend bin ich unglaublich froh, dass wir weitergesucht haben.
Was konkret geholfen hat
1. Körperliche Ursachen mitdenken
Ein stark erniedrigter Vitamin-B12-Wert kann massive psychische Symptome verursachen
Standarddiagnostik deckt das nicht immer ab
2. Symptome nicht vorschnell psychologisieren
„Sie will, aber kann nicht“ war ein entscheidender Perspektivwechsel
3. Schnelle Intervention kann große Effekte haben
Erste Veränderungen bereits nach wenigen Tagen
4. Nach Stabilisierung: Beziehung neu justieren
Vom Krisenmodus zurück zu altersangemessener Autonomie
Frustration wieder zulassen
5. Elterliche Selbstregulation
Gefühle ausdrücken statt kontrollieren
Unterstützung aktiv nutzen
Einordnung
Der Verlauf zeigt eindrücklich das Zusammenspiel von:
biologischen Faktoren (Mangelzustand, neuronale Dysregulation)
psychischer Verarbeitungskapazität (Überforderung vs. Wiederzugang zu Regulation)
systemischer Dynamik (Überbehütung ↔ Autonomieentwicklung)
Die Intervention wirkte auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
somatische Stabilisierung
kognitive Neubewertung
Beziehungskorrektur
Fazit
Diese Entwicklung wäre von außen kaum prognostizierbar gewesen.
Innerhalb weniger Monate wandelte sich eine hochakute Krisensituation in eine stabile Alltagsbewältigung.
Der entscheidende Punkt:
Nicht aufhören zu fragen, wenn etwas „nicht stimmig“ erscheint.
Fachlicher Hinweis
Der geschilderte Verlauf beschreibt einen individuellen Einzelfall. Aus einem einzelnen Fall lassen sich keine allgemeinen Aussagen über Ursachen psychischer Symptome oder deren Behandlung ableiten. Körperliche Faktoren können in einzelnen Fällen eine wichtige Rolle spielen und sollten bei entsprechender Symptomatik medizinisch abgeklärt werden. Diagnostik und Behandlung müssen jedoch stets individuell erfolgen.


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